Aroma, so weit das Auge reicht
22.09.2010 | Fast könnte man meinen, der Supermarkt sei zum Hofladen oder Feinschmeckergeschäft geworden, sind die Regale doch gefüllt mit „traditionellen“, „hochwertigen“ Produkten „nach alter Art“, aus „besten“ Zutaten und Rohwaren – gern auch „vom Bauernhof“ oder „Gutshof“ – die mit „Liebe“ und „Sorgfalt“ zu einem ganz besonderen „kulinarischen Hochgenuss“ verarbeitet werden.
Das Bedürfnis vieler Verbraucher nach regionalen, möglichst wenig verarbeiteten, natürlichen und „authentischen“ Produkten wächst. Genauso wie die Nachfrage nach „Premium-Produkten“, die hohe Rohwarenqualität und unverfälschten Geschmack versprechen. Der Lebensmittelindustrie kommt dieser Trend gerade recht. „Authentische“ „Premium-Produkte“ versprechen gute Margen, denn Verbraucher sind bereit, für solche Produkte durchaus etwas tiefer in die Tasche zu greifen.
Egal, wo man also hinsieht – die Etiketten versprechen weithin Tradition, Qualität und Handwerk. Die Wirklichkeit in den Regalen sieht anders aus. Denn während sich die Werbung mit Versprechen von Tradition, Authentizität und Qualität überschlägt, kommen selbst einfachste Produkte nicht mehr ohne Aromamischungen, also hochgradig verarbeitete Geschmacksstoffe, aus.
Oder hätten Sie in Kühnes „Schlemmertöpfchen Feine Gürkchen“, Unilevers Maille „Senf nach alter Art“ oder in der „Pommersche Gutsleberwurst“ der Rügenwalder Mühle Aromen vermutet? Auch der Almette „Alpenfrischkäse Kräuter“, der „ausgewählte Zutaten und frische Alpenmilch von kleinen Bauernhöfen“ verspricht, wird mit Aroma aufgeppt. Ebenso wie das „Meisterstück französischer Lebensart“, der „Saint Albray Pfeffergenuss“. Selbst Bonduelles „Garten-Erbsen mit Möhrchen“ – also ganz simples Dosengemüse – enthält Aromen.
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Das „beste Zartgemüse“ steckt laut Bonduelle in der Dose. Und weil es so gut kontrolliert und „erntefrisch“ verarbeitet sei, blieben „Geschmack und wertvolle Eigenschaften“ erhalten. Allzu viel scheint Bonduelle seinem Gemüse in Sachen Geschmack und Qualität allerdings nicht zuzutrauen – in jeder Dose „Garten-Erbse und Möhrchen“ lauert nämlich auch Aroma...
...Ob das nur Gewürze imitiert oder aber auch Erbsen- oder Möhrengeschmack? „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns nicht näher zu den genauen Zusammensetzungen äußern möchten“, heißt es dazu von Bonduelle.
„Auch 250 Jahre nach seiner Gründung hält das Unternehmen weiter an Traditionen, den überlieferten Rezepturen und den hohen Qualitätsansprüchen fest“, steht auf der Maille-Homepage...
...Aber wann haben denn nur Aromen und Konservierungsstoffe in die Überlieferung der Rezeptur für das „hochwertige“ Produkt „à l’Ancienne – nach alter Art“ Einzug gehalten?
In der „Gutsleberwurst“, laut Rügenwalder „nach alter Tradition“ über Buchenholz geräuchert, stecken nicht etwa nur Kräuter und Gewürze, sondern auch Aromen...
...Immerhin: Obwohl die Aromen auch hier bisher vermeintlich unabdingbar für die Geschmackstandardisierung waren, will das Unternehmen ab Ende 2011 darauf verzichten. Aromen als Brückentechnologie also? Man darf gespannt sein. Auch, ob noch jemand aussteigt.
Auf der Almette-Homepage erfahren Verbraucher, was auf dem „Almette-Bauernhof“ und im „Kräutergarten“ so los ist. Letzterer hat „zahllose Reichtümer würziger Herrlichkeit“ zu bieten. Schön – aber der Almette Kräuter-Frischkäse, dessen Zubereitung angeblich den „natürlichen Geschmack aller Zutaten“ bewahrt, benötigt offenbar trotzdem zusätzlich Aromen...
...Die stammen zwar laut Hersteller hauptsächlich aus Lauch und Zwiebeln, es handelt sich dabei jedoch trotzdem um hochgradig verarbeitete Geschmacksstoffe, die so ganz sicher nicht im Kräutergarten oder auf dem Bauernhof wachsen.
“Saint Albray steht für französische Käsetradition” heißt es auf der Verpackung. Ein „Meisterstück französischer Lebensart“ sei der „Saint Albray Pfeffergenuss“. Allerdings peppt Hersteller Bongrain sein vermeintliches Traditionsprodukt nicht allein mit Pfeffer, sondern auch mit Aroma auf...
...Nicht gerade ein Meisterstück.
„Unser Geschmacksgeheimnis: Besondere Sorgfalt und Hingabe für höchsten Genuss. So verarbeiten wir immer beste natürliche Zutaten und verfeinern sie mit viel Liebe und Leidenschaft. Seit 1722“, heißt es auf der Verpackung. Doch die angeblich so „feinen“ Traditions-Gürkchen enthalten neben den vermeintlich erlesenen Kräutern auch Farbstoff und Aromen...
...Mit Tradition und „besten natürlichen Zutaten“ hat das nichts zu tun.
Aromen sind hochkonzentrierte Geschmacksstoffe, die aus unterschiedlichen, chemisch isolierten Substanzen oder aus „natürlichen“ Quellen hergestellt werden können. Aber auch die so genannten „natürlichen Aromen“ müssen nicht aus den Früchten, Gemüse oder Kräutern stammen, nach denen sie schmecken. In komplizierten Prozessen kann beispielsweise Papierabfall in ein Vanillearoma umgewandelt werden. Doch selbst wenn die Aromen aus Rohwaren wie Lauch, Zwiebeln oder Kräutern gewonnen wurden, handelt es sich dabei oft um hochgradig verarbeitete Zusätze. Denn damit sich die Geschmacksstoffe gut im Produkt verteilen und halten, müssen sie für gewöhnlich auf so genannte Trägerstoffe aufgebracht werden. Außerdem können Aromen in geringer Menge Zusatzstoffe wie Konservierungs-, Lösungs- oder Streckmittel enthalten. Woraus ihre Aromen im Detail bestehen, gibt die Industrie praktisch nie preis.
Der Grund für den weit verbreiteten Einsatz von Aromen ist einfach: Sie sparen Kosten. Sie sind billiger als echte Kräuter und Gewürze, sie nehmen weniger Platz im Lager ein, ihre Verarbeitung ist unkomplizierter und erfordert weniger Personal – die Vorteile für die Lebensmittelindustrie sind also vielfältig. Außerdem lässt sich mit Aromen der Geschmack eines Produktes sehr viel leichter standardisieren. Nicht nur, dass man sich das aufwändige Erstellen der Gewürzmischungen oder Aufgüsse sparen kann – auch Rohwaren von unterschiedlicher Qualität können so leicht auf einen einheitlichen Geschmack gebracht werden. Egal also, was im Glas oder in der Dose landet, am Ende ist der Standardgeschmack garantiert.
Zur Verbrauchertäuschung wird das ganze dann, wenn Hersteller – oft für einen saftigen Preisaufschlag – „beste natürliche Zutaten“, Premium-Qualität oder traditionelle Herstellung versprechen, in der Verpackung aber nur der übliche Industriestandard inklusive Aroma-Mischung steckt.
Dabei sollten die Hersteller den vollmundigen Versprechen von „besten Rohwaren“ oder„ausgewählten Zutaten“, von Tradition, Handwerk und Authentizität entweder auch Taten folgen lassen. Und tatsächlich ausschließlich mit „besten Rohwaren“ statt mit Aroma-Mischungen arbeiten. Oder aber die vermeintlichen Traditionsprodukte als das bewerben und verkaufen, was sie sind – ganz normale Industrieware.
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