Ein Schwein kommt selten allein
Nachtrag (04.03.2011): Hersteller Gutfried hat das Schweinefleisch mittlerweile durch Pflanzenfett ersetzt. Zu Rezepturveränderungen der Produkte anderer Hersteller liegen foodwatch keine Informationen vor.
08.12.2010 | Viele „Geflügel“-Produkte enthalten Schwein, ohne dass das vorne drauf steht. Das macht wieder einmal deutlich: Die Lebensmittelindustrie will nicht, dass Produktbezeichnungen und Verpackungen einfach und für jedermann verständlich sind. Innerhalb der rechtlichen Spielräume wird getrickst und gemogelt – nicht nur bei Gutfried. Die Hersteller sind sich dabei einig: So lange alles formal legal ist, sind nicht sie in der Pflicht eindeutig zu kennzeichnen, sondern der Verbraucher soll gefälligst das Kleingedruckte lesen und Zutatenlisten-Detektiv spielen. So geht diese Branche mit ihren Kunden um.
Gutfrieds „Puten“ Cervelatwurst ist bei weitem kein Einzelfall. Sei es die „Ja! Geflügel-Mortadella“, die „WeightWatchers Premium Puten Salami“, die „Böklunder Premium GeflügelWürstchen“ oder auch die „Noblesse Geflügel-Salami mit Käse“ von Reinert – häufig kommt auch die eine oder andere Sau in den Fleischwolf. Das hat vor allem zwei Gründe: Geschmack und Konsistenz. Geflügel ist fettarm, doch Fett ist zum einen Geschmacksträger und zum anderen „Bindemittel“. Ohne das Schwein würde Geflügelwurst in vielen Fällen a) kaum Geschmack entwickeln und/oder b) auseinanderfallen. Da der Verbraucher aber gerne Geflügel isst – der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten geradezu explodiert – gibt es mittlerweile so ziemlich jede Art von Wurst auch als „Geflügel“-Variante.
Einige Hersteller produzieren auch reine Geflügelwurst und bedienen sich dabei pflanzlicher Fette. Bei vielen Produkten sei das Schwein jedoch optisch und geschmacklich unverzichtbar, argumentieren die Hersteller. Daher bestehen so einige „Geflügel“-Produkte zu großen Teilen aus Schwein. Doch bei den Wenigsten ist das für den Verbraucher auf den ersten Blick erkennbar. In unserer Fotostrecke decken wir einige dieser Fälle auf.
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Bei der „Ja! Geflügel-Mortadella“ von Rewe ist der prozentuale Schweineanteil nicht einmal Zutatenlisten-Detektiven ersichtlich – die ausgewiesene Zutat „Schweinespeck“ ist mengenmäßig nicht näher definiert. Auf Anfragen von foodwatch gibt Rewe an: „ca. 15%“ der „Geflügel“-Mortadella ist Schwein. Eine eindeutigere Produktbezeichnung hält man jedoch nicht für erforderlich.
Die „Böklunder Premium GeflügelWürstchen“ haben einen vergleichsweise geringen Schweineanteil. Wie viel, nämlich 5%, erfährt man nur auf Anfrage. Ausgewiesen ist lediglich „Speck“. Auf einen Blick kann man damit nicht mal in der Zutatenliste entnehmen, dass Schwein drin ist. Nicht jeder weiß, dass „Speck“ immer vom Schwein kommt. Das scheint Böklunder aber nicht sonderlich zu interessieren.
Auch vor Diät-Produkten macht das Schwein keinen Halt: In der „WeightWatchers Premium Puten Salami“ steckt fast so viel Schweine- wie Putenfleisch. Das ist in einer Schriftgröße von ca. 1,4 Millimetern der Rückseite der Verpackung zu entnehmen. Vorne Pute, hinten Schwein. In klein.
Bei der „Privat-Fleischerei Reinert“ geht es scheinbar ähnlich zu wie bei Gutfried: Die „Noblesse Geflügel-Salami mit Käse“ wird aus fast genauso viel Schweine- wie Putenfleisch hergestellt. Und 2% Camembert. Unser Vorschlag für einen neuen Namen: „Geflügel-Schweine-Salami mit einem Hauch von Käse“.
Gutfrieds „Puten Cervelatwurst“ kommt als Geflügelprodukt daher. Doch in dem vermeintlich „extra feinen“ Produkt des „Geflügelwurst-Spezialisten Nummer Eins“ schmückt sich ein Schwein mit fremden Federn: Knapp die Hälfte der Cervelatwurst ist Schweinefleisch.
Dass es auch anders geht, zeigt „LIDL“: Auf Anfrage von foodwatch erklärt das Unternehmen, dass derzeit die Produktetiketten ihrer Handelsmarke „Dulano“ überarbeitet werden, um „Kunden noch besser zu informieren“. So soll aus der „Delikatess Geflügel-Leberwurst“ in Zukunft „Leberwurst fein mit Geflügel- und Schweinefleisch“ werden. Geht doch!
Die Hersteller ziehen sich gern mit den immergleichen Ausreden aus der Affäre. Nicht sie sehen sich in der Pflicht eindeutig zu kennzeichnen, sondern der Verbraucher soll gefälligst das Kleingedruckte studieren und Detektiv spielen. In anderen Branchen wäre eine solche Haltung gar nicht denkbar, oder ...
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