Wie Unilever reagiert


Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie nicht Unilever

Unilever Becel pro.activ


25.11.2011 | Als Reaktion auf die Kritik an der cholesterinsenkenden Margarine Becel pro.activ lässt Unilever zwei Wissenschaftler zu Wort kommen. Die möchten von potenziellen Nebenwirkungen der umstrittenen Pflanzensterine nichts gehört haben.

Unilevers Antwort auf die E-Mail-Aktion

25.11.2011 | Mehr als 12.000 Verbraucher haben sich bereits beim Lebensmittelriesen Unilever beschwert, weil der Konzern mit Becel pro.activ eine Art Medikament in Lebensmittelform frei verkäuflich im Supermarkt anbietet. Wer unsere E-Mail-Aktion unterzeichnet hat, erhielt von Unilever nun eine Antwort. Der Hersteller der cholesterinsenkenden Margarine stünde „im ständigen Austausch mit führenden Herz-Kreislaufspezialisten, um immer auf dem aktuellsten Forschungsstand zu sein“, heißt es seitens Unilever. Um das zu untermauern, werden zwei Professoren in Stellung gebracht, welche die in Becel pro.activ enthaltenen Pflanzensterine lobpreisen. Es gebe „keinen Hinweis“ auf Nebenwirkungen, lässt man beispielsweise Prof. Hans-Ulrich Klör von der Universität Gießen in der Antwort-E-Mail sagen. Auch Prof. Eberhard Windler von der Universität Hamburg kommt zu Wort und lobt den „Wirkmechanismus“ der medikamentenähnlichen Lebensmittel in höchsten Tönen. Dabei soll offensichtlich der Eindruck entstehen, Nutzen und Unbedenklichkeit dieser Produkte stünden völlig außer Frage. Die „Diskussion mit Wissenschaftlern“ ist ja schließlich erfolgt.

Es kommt natürlich auch darauf an, mit wem Unilever da diskutiert. Denn Wissenschaftler gibt es viele, und die beiden zitierten können kaum als repräsentativ gelten. Prof. Windler hat in der Vergangenheit nachweislich Honorar von Unilever erhalten – schon allein deshalb hat das Schreiben einen faden Beigeschmack. Doch davon einmal abgesehen: Einerseits von „aktuellem Forschungsstand“ zu fabulieren, andererseits „keinen Hinweis“ auf Nebenwirkungen kennen zu wollen, klingt ganz nach Pippi-Langstrumpf-Wissenschaft. Getreu dem Motto: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“

Von keinem Hinweis kann keine Rede sein! Denn die von den Unilever-Professoren hochgelobten Pflanzensterine, die Becel pro.activ hochkonzentriert enthält, sind unter Experten höchst umstritten. Sie stehen in Verdacht, das zu verursachen, was sie eigentlich verhindern sollen – Ablagerungen in Gefäßen und damit ein erhöhtes Risiko für Herzkrankheiten. Immer wieder liefern Studien Hinweise auf mögliche Risiken. Das hat unter anderem das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) dazu bewegt, eine Stellungnahme zu solchen Lebensmitteln zu verfassen. Bereits 2008 kamen die staatlichen Wissenschaftler zu dem Schluss:

„Insgesamt unterstreichen die Studien jedoch, dass der Verzehr von Lebensmitteln mit Phytosterinen [Pflanzensterine] von gesunden Menschen, die keinen erhöhten Cholesterinspiegel haben, ausdrücklich vermieden werden sollte.“

Denn bei diesen Verbrauchern gibt es nicht einmal einen potenziellen Nutzen, den man gegen das Risiko von Nebenwirkungen abwägen müsste. Nur: Mit den Wissenschaftlern des BfR hat Unilever offenbar nicht „diskutiert“. Hinzu kommt: Selbst für Menschen mit erhöhtem Cholesterinspiegel ist der Nutzen der Produkte alles andere als eindeutig belegt. Die großen europäischen Dachgesellschaften für Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen in ihren jüngst verabschiedeten Leitlinien beispielsweise zu folgendem Urteil:

„Aktuell gibt es keine Daten, die belegen, dass die Cholesterinsenkung mithilfe von Pflanzensterinen präventiv gegen koronare Herzkrankheiten wirkt. Um die Sicherheit von Lebensmitteln mit Pflanzensterinzusatz bei regelmäßiger Einnahme zu garantieren, sind außerdem Langzeitstudien nötig.“

Unilever jedoch verspricht ungerührt:

„Bestünden nur die geringsten Zweifel an der Sicherheit unserer Produkte, würden wir diese nicht anbieten.“

Offensichtlich genügt es Unilever, keine eigenen Zweifel zu haben. Das reicht jedoch nicht. Angesichts verbreiteter wissenschaftlicher Bedenken ist diese Haltung unverantwortlich. Fordern Sie Unilever deshalb jetzt auf, den freien Verkauf von Becel pro.activ im Supermarkt zu stoppen!

Zur E-Mail-Aktion!

Unilevers Antwort auf die foodwatch-Anfrage

10.11.2011 | foodwatch wollte von Unilever beispielsweise wissen, weshalb die Verbraucher nicht auf mögliche Nebenwirkungen hingewiesen werden oder wie es um einen Nachweis für den gesundheitlichen Nutzen steht. Doch der Konzern verteidigt die eigene Linie mit verdrehten Tatsachen. Hier nur einige Beispiele:

Auf die Frage, ob nachgewiesen wurde, dass eine durch Pflanzensterine bedingte Cholesterinsenkung auch das Risiko auf koronare Herzkrankheiten mindert, antwortet der Konzern:

„Die cholesterinsenkende Wirkung der Becel pro.activ Produkte ist in über 40 Studien belegt und unstrittig. Ebenso gilt in der wissenschaftlichen Meinung, dass eine LDL-Senkung grundsätzlich das Risiko für eine koronare Herzkrankheit (KHK) verringert, wobei es sich gezeigt hat, dass dieser Zusammenhang für alle Methoden der Cholesterinsenkung (…) relevant ist.“ (Hervorhebungen durch foodwatch)

Klingt überzeugend, ist aber wissenschaftlich alles andere als sauber. Denn Unilever suggeriert, man könne solche Effekte isoliert betrachten, was nicht stimmt. Beispiel gefällig? Der weltgrößte Pharma-Konzern Pfizer hat 2006 einem Cholesterin-Medikament namens Torcetrapib den Forschungsstopp erteilt, denn trotz erfolgreicher Senkung des „schlechten“ LDL-Cholesterins kam es zu vermehrten Todesfällen durch Herzkrankheiten. Das Beispiel zeigt: Es reicht nicht, lediglich Laborwerte wie Cholesterinsenkung zu untersuchen, um dadurch auf eine bessere Herzgesundheit zu schließen. Genau das versucht Unilever allerdings mit Becel pro.activ.

Auf die Frage, weshalb Unilever den Verbraucher nicht auf mögliche Risiken hinweist, die verschiedene Studien zu Pflanzensterinzusatz in Lebensmitteln zeigen, antwortet der Konzern:

„Tatsache ist, dass der Einsatz von pflanzensterinangereicherten Lebensmitteln für Menschen mit erhöhten Cholesterinwerten Bestandteil der Ernährungsempfehlungen der wichtigsten internationalen Fachgesellschaften ist. Zu nennen sind hier NCEP ATP III (National Cholesterol Education Program Adult Treatment Panel III), International Atherosclerosis Society (IAS), American Heart Association (AHA).” (Hervorhebung durch foodwatch)

Das mag sein, doch sind viele andere Fachgesellschaften da anderer Meinung, so z.B. die Deutsche Herzstiftung, die von Pflanzensterinen abrät. Auch die Leitlinien vom britischen National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) sprechen keine Empfehlung für Pflanzensterine aus, solange nicht bewiesen ist, dass durch diese Art der Cholesterinsenkung auch tatsächlich weniger koronare Herzkrankheiten auftreten. Pflanzensterine in Lebensmitteln sind höchst umstritten. Deswegen haben sie im Supermarkt nichts zu suchen!

Im weiteren Verlauf des Schreibens wird Unilever besonders dreist:

„Aktuell (Sommer 2011) haben die großen europäischen Fachgesellschaften für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – die europäischen Kardiologen Gesellschaft (ESC) und die europäischen Atherosklerose Gesellschaft (EAS) – eine gemeinsame Leitlinie für die Behandlung von Fettstoffwechselstörungen veröffentlicht. Der Einsatz von Lebensmitteln mit Pflanzensterinen ist Bestandteil dieser wichtigsten europäischen Leitlinie.“ (Hervorhebung durch foodwatch)

foodwatch hat sich diese Leitlinien angesehen. Die Pflanzensterine sind Bestandteil, das stimmt. Doch auch dort heißt es:

„Currently there are no data available indicating that cholesterol lowering through plant sterol ingestion results in prevention of CVD. Longterm surveillance is also needed to guarantee the safety of the regular use of phytosterol-enriched products.” (Hervorhebungen durch foodwatch)

Wir übersetzen: Aktuell gibt es keinen Beleg dafür, dass Cholesterinsenkung mithilfe von Pflanzensterinen präventiv gegen koronare Herzkrankheiten wirkt. Um die Sicherheit von Lebensmitteln mit Pflanzensterinzusatz bei regelmäßiger Einnahme zu garantieren, sind außerdem Langzeitstudien nötig.

Klingt im Original irgendwie anders, als in Unilevers Schreiben. Finden Sie nicht? Beschweren Sie sich jetzt direkt bei dem Konzern, der offenbar vor keiner Lüge zurückschreckt, um seine sündhaft teure Margarine mit fraglichem Nutzen und ungewissen Spätfolgen unters Volk zu bringen! Zur E-Mail-Aktion.


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